Wallfahrtslegende

Wallfahrtslegende von Mariaort

»Die höchst-wunderbarliche Ankunfft des steinernen Bilds unser Lieben Frauen zu Orth«

 

(Auszug aus einem Flugblatt, Druck: Anno 1752 der Hochfürstl. Bischöfi. Hof-Buchdruckerei Regensburg)

 

Darstellung aus der Jahreskrippe der Wallfahrtskriche.
"Auffindung des Gnadenbildes"

Gestaltung der Krippenbildere Fam. Sack, Kleinprüfening

Schon vor etlich hundert Jahren ist ein beständige Sag diser Kirchen, ja vor des Kaysers Carl des Großen in Teutschland Ankunfft, dass dieses Wunder sich zugetragen.

Dises steinene, unser Lieben Frauen Bild, gantz aufrecht stehend, wider die Donau, auf einer Cronawet-Stauden (= Wacholderstrauch). ob dem Wasser schwimmend, zwischen den Stauden angekommen ist. Die Einwohner dises Dorffs seyend derohalben geschwind mit Schiffelein hinüber gefahren, und haben dise steinene Mutter Gottes Bildnus auf der Cronavet-Stauden ob dem Wasser stehend erstaund angesehen. Dise steinenen Bildnus über fünff Schuch hoch, von einem harten. dises Landes nit zu findenden Orientalischen Stein, auf der rechten das Kindlein haltend, welches mit beeden Händen ein braunes Wisel umbfängt, in der linken Hand ein Orientalische Blume. auf dem Rucken mit einem wohl veralten starcken eysernen Oehr verwahrete, daran sie vor Zeiten (wie auch heut noch) in einer vornehmen Kirchen aufgemacht gewesen sevn. Die Einwohner dises Dorffs (so damals reich und größer war) dise verehrt, in ihr Schiff sambt der Stauden genommen, und in ihr Dorff hinüber geführt, in der Meynung, hierüben ein Kirchen aus gesammelten Geld zu bauen.

Dort es wurde ihnen der Willen Gottes und Maria durch ein anderes Wunder kundtgethan, dann was sie von Kalch, Sand, Stein und anderen Baurath zur neuen Kirchen in dem Dorff zusammen gebracht, das wurde zum andernmal in der Nacht nicht ohne grosses Wunder von Gott, auf die Stell gebracht, und zu Morgens gefunden. wo jetzo die Capellen steht, an dem Ufer (wie obgemeld) angekommen ware: wobey sich dann die Gemein nit gesaumt, mit dem Bau der Kirchen fortzufahren. Sie seyen auch in deme vorsichtig gewesen, daß sie der Cronavet-Stauden aussen am Dach ein Erker gemacht, in welchem sie zwar noch heutiges Tags nicht ohne Wunder grünet.

Stehet also nun die Capellen Unserer Lieben Frauen zu Orth neun hundert ein und achzig Jahr unversehrt zwischen den grünenden Felsen, anmuthigen Einöd, zur Andacht sehr bequemd, in welcher damit der andächtige Wallfahrter nichts mehrers verlangen könne. Dise Kirch ist von den H1. Päbsten, Leone dem Dritten, Leone dem Neundten, Clemente dem Zweyten, von Kayser Carl und nachfolgenden Königen in Bayern, auch allen Kaysern bishero auf den Reichs-Tägen allzeit besucht und mit Andacht verehret worden.

 

Dieser Bericht ist eine »Legende«. Sie knüpft am Bilderstreit des oströmischen Reiches im 8. und 9. Jahrhundert an. Legenden berichten keine Tatsachen. Sie können aber wirkliche Sachverhalte näherbrin gen. Diese Legende weist wohl auf eine frühe Entstehung der Kirche und Wallfahrt von Mariaort hin. (Der Ort ist erstmals 1020 in einer Urkunde erwähnt; 1031 wird ein Mönch aus dem Kloster St. Einmeram als Vikar genannt.)

Sicher aber weist diese Legende daraufhin, dass in Mariaort durch Jahrhunderte viele Menschen Hilfe und Trost erfahren haben.

Der Text des Flugblattes wurde stark gekürzt und durch einige geringfügige Veränderungen lesbarer gemacht.

Heinrich Müller